ANTÔNIO INÁCIO ANDRIOLI

Professor do Mestrado em Educação nas Ciências da UNIJUÍ - RS e da Universidade Johannes Kepler de Linz (Áustria). Doutor em Ciências Econômicas e Sociais pela Universidade de Osnabrück (Alemanha)

 

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Agrarökologie als Bildungsprozess in der Familienlandwirtschaft - Teil I

Antônio Inácio Andrioli

 

http://monedascomplementarias.pbwiki.com/f/TALLER3B.jpgIndem noch eine duale Dimension in der Familienlandwirtschaft besteht, nämlich die Verbindung von Konsum und Produktion im Familienbetrieb, steigt die Aufmerksamkeit der Produzenten für die Qualität der Nahrungsproduktion und deren Auswirkungen auf die eigene Gesundheit. Dieser Trend wird bei den Erfahrungen der ökologischen Landwirtschaft in Brasilien beobachtet. Könnte dies als Zeichen eines Umweltbewusstseins dieser Bauern interpretiert werden? Würde insofern die Agrarökologie eine Bildungsdimension darstellen?

Das für die kapitalistische Produktionsweise widersprüchliche Verhältnis zwischen Mehrwertproduktion und menschlichen Bedürfnissen macht die Familienlandwirtschaft zu etwas besonderem für die Agrarökologie. Die Debatte um die Agrartechnologie kann die von den destruktiven Kräften herrschender Agrartechnik betroffenen Bauern verbinden und als Ausgangspunkt für den Aufbau eines neuen Bewusstseins dienen, also auch eine politische Dimension bekommen. Die Möglichkeit, durch die Erfahrung mit der Agrarökologie den Ausbeutungscharakter kapitalistischer Landwirtschaft zu entlarven und die Notwendigkeit ihrer politischen Organisation zusammen mit anderen antikapitalistischen Kräften in der Gesellschaft zu vereinigen, kann einer ökologischen und genossenschaftlichen Bewegung der Kleinbauern eine revolutionäre Dimension verleihen.

Dies hängt jedoch davon ab, inwieweit es durch eine sozialisierende Produktion innerhalb der kapitalistischen Marktwirtschaft möglich ist, dass deren Widersprüche tatsächlich offenbar werden (so dass die technischen, ökonomischen und sozialen Abhängigkeiten nicht mehr verschleiert sondern verdeutlicht werden) und eine breitere Bewegung zur Folge hat. Hinsichtlich der Zusammenhänge der Agrarökologie mit den konkreten Bedürfnissen der betroffenen Menschen scheint eine Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden zu sein, die sich bei Fortschrittserfahrungen brasilianischer Kleinbauern mit der für sie „geeigneten sozial angepassten Technik“ nachweisen lässt.

Die Existenz einer breiten politisch-kulturellen antikapitalistischen Bewegung kann aber auch wiederum durch die Selbstorganisation der am Rande der kapitalistischen Gesellschaft lebenden Menschen gestärkt werden. Demnach besteht die erkennbar wichtigste Bedeutung der gemeinsamen Erfahrung von Produzenten und Konsumenten in einer genossenschaftlichen Organisation allerdings in dem dadurch ermöglichten Lernprozess, ein produktives Unternehmen nach egalitären, solidarischen und demokratischen Prinzipien selbst zu verwalten im Sinne einer prozeßhaft-konkreten Utopie[1]. In dieser Perspektive kommt unseres Erachtens das Prinzip der Nachhaltigkeit durch die Anwendung der Agrarökologie als Ausgangspunkt zur Selbstorganisation der von der kapitalistischen Modernisierung der Landwirtschaft betroffenen Menschen und der Lernprozess in Bezug auf die Stärkung der Handlungsautonomie und Bewusstseinbildung der Bauern hinzu. Nach Freire[2] stellt die gemeinsame Problemlage das wesentliche Moment zur Emanzipation des Individuums als kollektiver Bewusstwerdungsprozeß dar, in dem „im aufklärerischen Sinn die Befreiung von nicht selbstverschuldeter Unmündigkeit betrieben wird“ (Széll 1984: 28).  Dabei ist der Lernprozess zugleich als ein Forschungsprozess zu verstehen, „bei dem die Umgebung, die Arbeits- und Lebensverhältnisse Ausgangs- und Bestimmungspunkt sind“ (Ebenda, S. 28).

Die an den Interessen der Großbauern und Konzernunternehmen orientierte Verwissenschaftlichung von Agrartechnologien und die dadurch betriebene Verschleierung von Herrschaftsinteressen mit Hilfe der Wissenschaft kritisch zu reflektieren ist unseres Erachtens einer der entscheidenden Beiträge der Agrarökologie in Bezug auf die Familienlandwirtschaft und die Selbstorganisation der Kleinbauern. Indem durch einen interdisziplinären Ansatz implizites Wissen im Sinne einer Dekodierung[3] explizit gemacht wird, entsteht die Möglichkeit, in der Gesellschaft ausgeprägte Herrschaftsverhältnisse aufzudecken, die der Technik zugrunde liegen, wie die Verdinglichung der Natur und des Menschen und die daraus folgende Subsumtion und Kontrolle des Produktionsprozesses und der Arbeit der Kleinbauern zugunsten von Agrarkonzernen und Großgrundbesitzern. „Der Mensch ist im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen durch die Gabe der Vernunft in der Lage, über Gründe und Folgen seines Handels nachzudenken, damit über seine Identität, seine Stellung und Verantwortlichkeit in der Welt und den Sinn des Lebens. Diese Gabe der Reflexion und Selbstreflexion bestimmt unser Menschsein. Reflexion ist die Auseinandersetzung mit der inneren und der äußeren Natur, mit eigenen Einsichten und Erfahrungen und denen anderer (...). Deshalb ist das Ergebnis von Reflexion auch Emanzipation, d.h. die Befreiung des Individuums aus sozialer, politischer und geistiger Abhängigkeit und die Erlangung einer vorurteilsfreien Mündigkeit und Selbständigkeit“ (Tischler 1998: 232).

Demnach muss ein agrartechnologischer Wandel durch den Ansatz der Agrarökologie als Ausgangspunkt einer sozialen Veränderung mit einem Wandel der Herrschaftsverhältnisse auf dem Lande verknüpft sein, damit die konkreten Erfahrungen der Bauern mit der Technik und der genossenschaftlichen Organisation in aller ihrer aufgedeckten Widersprüchlichkeit zur Bewusstwerdung der existierenden Unterdrückung, Identifizierung von Verantwortlichen und möglichen Verbündeten, Aufhebung der Isolation und Verbreitung der Solidarität führen kann. „Der kritische Reflexionsprozeß, der mittels der Aneignung der objektiven Ebene der gesellschaftlich bestimmenden Verhältnisse das Subjekt konstituiert, ist Voraussetzung dafür, daß aus der ‚Klasse an sich‘ die ‚Klasse für sich‘ wird“ (Széll 1984: 37-38).

Einen solchen gesellschaftlichen Reflexionsprozess über die Agrartechnik auszulösen kann selbstverständlich nicht allein den Naturwissenschaftlern überlassen werden, wie die Verfechter der kapitalistischen Modernisierung der Landwirtschaft davon überzeugt zu sein scheinen und auf der Basis eines gewissen Sachzwangs versuchen, Gesetze zur Freisetzung technischer Erfindungen zugunsten herrschaftslegitimierender Interessen durchzusetzen. „Es ist offensichtlich, daß Sachzwang im naturgesetzlichen Bereich der Chemie, der Physik existiert, aber eben nicht im sozialen. Das wesentliche sozialer Erscheinungen und Strukturen ist eben, daß sie historisch und damit gestaltbar und veränderbar sind“ (Széll 1989: 8). Veränderungen an der herrschenden Technikentwicklung bedürfen insofern der Begleitung von Assistenten oder Animateuren beim Reflexionsprozess, die bei der Entwicklung von Technologien mitwirken,[4] denn den Bauern mangelt es einerseits an Wissen, während andererseits zugleich ihres traditionellen Wissen allmählich verloren geht.

Entscheidend ist jedoch, dass in erster Linie die vom dominierenden Produktionsprozess subsumierten Menschen selbst an dem kritischen Reflexionsprozess interessiert und beteiligt sind, ohne dass dadurch neue Abhängigkeitsstrukturen[5] aufgrund der weiter existierenden Arbeitsteilung zwischen Agrarberatern und Kleinbauern entstehen und reproduziert werden. „Um die Situation der Unterdrückung zu überwinden, muss der Mensch zunächst ihre Ursache kritisch erkennen, damit er durch verändernde Aktion eine neue Situation schaffen kann, eine, die das Streben nach vollerer Menschlichkeit ermöglicht (...). Diese Lehre muss jedoch von den Unterdrückten selbst und von denen kommen, die in echter Solidarität mit ihnen leben“ (Freire 1973: 34). Diesbezüglich kann das Fachwissen von den Bauern nur durch dialogisches Handel assimiliert und mit ihrem traditionellen Wissen kombiniert werden, damit durch gemeinsame Erfahrungen von Betroffenen in Gruppen neue, fortschrittliche, umweltfreundliche und sozial angepasste Technologien endogen entwickelt werden. Dieser partizipatorischer Entwicklungsprozeß kann zugleich als eine Eroberung sozialen Raums durch die Unterdrückten verstanden werden, wodurch sie selbst dazu befähigt werden, ihre internalisierte Unterdrückung zu verstehen und zu überwinden. „Das zentrale Problem heißt so: Wie können die Unterdrückten als gespaltene, unechte Wesen an der Entwicklung einer Pädagogik ihrer Befreiung mitwirken? Nur wenn sie sich selbst als ‚Behauser‘ des Unterdrückers erkennen, können sie selbst am Hebammendienst ihrer befreienden Pädagogik mitwirken. Solange sie noch in der Gespaltenheit leben, in der Sein bedeutet Sein-Wie und Sein-Wie heißt ‚wie der Unterdrücker‘ sein, ist ein derartiger Beitrag unmöglich. Die Pädagogik der Unterdrückten ist ein Instrument für ihre kritische Entdeckung, daß in ihnen und in ihren Unterdrückern die Enthumanisierung Gestalt angenommen hat“ (Ebenda: S. 36).

 

Literatur:

ANDRIOLI, A. I. Biosoja versus Gensoja: Eine Studie über Technik und Familienlandwirtschft im nordwestlichen Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande do Sul (Brasilien). Frankfurt am Main: Peter Lang, 2007.

BLOCH, E. Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1985.

FREIRE, P.  Extensão ou Comunicação? Rio de Janeiro: Paz e Terra, 1992.

FREIRE, Paulo. Pedagogia do oprimido. Rio de Janeiro: Paz e Terra, 1987.

SZÉLL, G. Bildungsarbeit als Forschungsprozeß. Anmerkungen zur Übertragbarkeit der Freireschen Pädagogik. München: Hueber, 1984.

SZÉLL, G. Vampirismus oder Betroffenenforschung. Zur Methodologie der Sozialwissenschaften. Osnabrück: Universität Osnabrück, 1981.

TISCHLER, K. Betriebliches Umwelmanegement als Lernprozess. Theorie und Praxis organisationsorientierter Umweltbildung als Beitrag zur Steigerung der Fortschrittsfähigkeit der Unternehmung. Frankfurt am Main: Peter Lang, 1998.

 

[1] Im Sinne der konkreten Antizipation einer möglichen Wirklichkeit .Vgl. Bloch 1985.

[2] Vgl. Freire 1987.

[3] Vgl. Freire 1973.

[4] Vgl. Freire 1992.

[5] „Entscheidend für einen solchen Veränderungsprozeß ist, daß Veränderungen nicht von oben, autoritär durchgesetzt werden – und sei es zum Wohle aller Gesellschaftsmitglieder. Auch Humanisierung, die von anderen als den Betroffenen initiiert und durchgeführt wird – und seien es noch so wohlmeinende Wissenschaftler! -, stabilisiert so letztlich immer nur Herrschaftsverhältnisse.  Denn und gerade Wissenschaftler, die nicht selbst betroffen sind von bestimmten Arbeitsverhältnissen, werden entweder eigener Interessen oder diejenigen, die sie beauftragten und finanzieren, vertreten“ (Széll 1981: 8).

   

 

 

 

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