por ANTÔNIO INÁCIO ANDRIOLI 

Mestre em Educação nas Ciências pela Universidade Regional do Noroeste do Estado do Rio Grande do Sul (Unijuí) e Doutor em Ciências Econômicas e Sociais pela Universidade de Osnabrück – Alemanha

 

Biosoja versus Gensoja: 

Eine Studie über Technik und Familienlandwirtschaft im nordwestlichen Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande do Sul/Brasilien*

 

Einführung

Der Konflikt um den Gensoja- und Biosojaanbau prägt die aktuelle Debatte über die Agrarreform in Brasilien. Es handelt sich dabei um den Zugang zu Ressourcen, um das Recht auf Land und Nahrung und letztendlich um politische Macht, die unmittelbar damit verbunden ist. Die weltweite Zunahme der Konzentration im Ernährungsbereich, die Monopolisierung des agroindustriellen Komplexes und die Tendenz zum Freihandel im Agrarsektor verstärken die Konkurrenz zwischen den Produzenten, was die Überlebensfähigkeit von Kleinbauern stark beeinträchtigt. Die Existenz der Kleinbauern als individuelle Produzenten wird durch den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft in dem Maße erschwert, wie sie durch die schleichende gentechnische Verseuchung gezwungen werden, der Strategie der Agrarkonzerne zu folgen. Die Fortführung der sogenannten Grünen Revolution vertieft die Abhängigkeit, Verschuldung und Verarmung der Kleinbauern, die unter einen massiven Anpassungsdruck stehen, ohne eine reale Zukunftsperspektive zu haben. Ihr tendenzieller Ausschluss vom Produktionsprozess vertieft die Landkonzentration, beschleunigt die Landflucht und erhöht die Zahl von Landlosen und zugleich Arbeitslosen, eine Tendenz, die stark zur wachsenden sozialen Ungleichheit und der daraus entstehenden Gewalt in Brasilien beiträgt. Auf diesem Hintergrund ist die gegenwärtige Ausbreitung der Gentechnik[1] in der Sojaproduktion zu beobachten, die seit 1999 durch eingeschmuggeltes Saatgut aus Argentinien in den Grenzgebieten stattfindet.

1. Thema der Arbeit

Mit der Hoffnung, die Unkrautbekämpfung durch die Anwendung von Herbizid und geringerem Arbeitseinsatz zu erleichtern, zu verbilligen und dadurch den Ertrag zu steigern, wird in immer größerem Umfang im nordwestlichen Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande do Sul die herbizidresistente Soja angebaut. Die angebliche Lösung für die existenziellen Probleme der Bauern wird mit einer Wiederholung von Argumenten der „Grünen Revolution“ begleitet, enthält jedoch eine neue Qualität: Indem gentechnisch verändertes Saatgut als Eigentum eines Agrarkonzerns patentiert ist und durch die Verseuchung von Feldern eine herkömmliche Produktion verhindert wird, wird die Abhängigkeit der Bauern von technischen Inputs vollständig, da deren Einsatz schon von der Aussaat an vorprogrammiert ist. Diese Entwicklung scheint uns die Marxsche Prognose zu bestätigen, in der die Landwirtschaft endgültig zu einem bloßen Industriezweig und ganz vom Kapital beherrscht wird. (Marx 1967) Um gegen diesen Trend anzugehen, haben seit 1999 Bauern ausgerechnet in dieser Region damit begonnen, Biosoja zu produzieren, unterstützt von einer regionalen Genossenschaft[2], der einzigen in Rio Grande do Sul überhaupt, die sich während der Periode des Einschmuggelns von Saatgut öffentlich gegen den Gensojaanbau äußerte.

Diese Auseinandersetzung über Technik und Familienlandwirtschaft haben wir als Thema der vorliegenden Dissertation ausgewählt, um in Form einer Fallstudie zu untersuchen, ob die Biosoja eine Perspektive für die Kleinbauern im nordwestlichen Grenzgebiet von Rio Grande do Sul als Alternative zu der Ausbreitung der Gensojaproduktion bieten kann. Um den Hintergrund zur Auswahl des Themas zu verdeutlichen, scheint es uns wichtig, zu erklären, dass der Autor selbst als Bauernsohn in der Realität der Sojaproduktion aufgewachsen ist, Agrarwissenschaften studierte, als Bauer und Agrarberater in der erwähnten Region tätig war, umfangreiche Erfahrungen gesammelt und sich jahrelang direkt mit der Problematik der betroffenen Kleinbauern beschäftigt hat. Dies sollte nicht die Objektivität einer wissenschaftlichen Studie schmälern, sondern sie eher bereichern. Ausgehend von seiner beruflichen und praktischen Erfahrung wird der Autor allerdings dazu tendieren, viele Probleme aus Sicht der betroffenen Bauern anzugehen. Andrerseits liegt unseres Erachtens darin auch ein Vorteil: Es erlaubt dem Autor, Besonderheiten zu erkennen und zu verstehen, die eine Nähe zur Realität erfordern.

2. Vorgehensweise der Studie.

Im Gegensatz zu dem weiterhin dominierenden Trend einer traditionellen Ansicht der Agrar­technik (und darin der Gentechnik) als Innovation und Chance sehen wir Wissen und Technik in der kapitalistischen Gesellschaft sowohl als Produktionsfaktor als auch als Element eines Herrschafts- und Machtverhältnisses an, das mit der sozialen Ungleichheit der Menschen zu­sammenhängt. In diesem Sinne interessiert uns insbesondere die soziale Dimension von Wis­sen, da sich die Gentechnik auf die Familienlandwirtschaft mit einer herrschaftslegitimieren­den Funktion[3] auswirken kann. Zusammengefasst sind für uns also zwei zentrale, leitende Fragen dabei wichtig: a) Welche Transformationen finden durch den Einsatz der Gentechnik in der Familienlandwirtschaft statt? b) Inwieweit kann die Agrarökologie eine Möglichkeit zur Erhaltung der Familienlandwirtschaft in der kapitalistischen Gesellschaft sein? Verstehen wollen wir insbesondere, warum Kleinbauern Gensoja anbauen, und welche Rolle der Anbau von Biosoja für sie spielen könnte; wie Kleinbauern über die Anwendung von Technik in der Landwirtschaft entscheiden; wie und warum die Gensoja sich durchsetzt; welche Widerstände darin zu erkennen sind, und welche Interessen dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Da die Wirklichkeit sozialer Ereignisse als Bewegung angenommen wird, kann sie logischerweise nur historisch erfasst werden. Wir sehen deshalb die Vergangenheit nicht als determinierend an, die Entdeckung ihrer Auswirkungen jedoch als grundlegend für mögliche Optionen, die für die Gegenwart und Zukunft offen bleiben[4]. Deshalb bildet die Analyse der liberalen und marxistischen Literatur zum Thema Technologie und Familienlandwirtschaft (in dieser historischen Reihenfolge) die Grundlage unserer Untersuchung, wobei wir wichtige Zusammenhänge herausarbeiten, die im Allgemeinen für die gegenwärtige theoretische Auseinandersetzung unseres Erachtens weiterhin aktuell sind. Aus der historisch grundsätzlichen theoretischen Debatte über den Zusammenhang zwischen Technik und Landwirtschaft in der kapitalistischen Entwicklung interessiert uns insbesondere, wie sich aus der Spannung zwischen zwei Paradigmen, die sich dialektisch gegenüber stehen, Widersprüche und Einheiten ergeben, die weiterhin die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu dem Thema begleiten und begründen. Nach der Identifizierung von theoretischen Grundprinzipien und Kategorien in der klassischen Literatur zu unserem Thema, die wir als universell übertragbar einschätzen, betrachten wir die Landwirtschaft in ihrer Besonderheit und in ihrem brasilianischen und regionalen Kontext, denn Sozialwissenschaften sind historisch und kulturell kontextabhängig. (Flyvbjerg 2001) Mit Hilfe einer deskriptiv-historischen Darlegung der Landwirtschaft in der untersuchten Region kommen wir danach zur Analyse der gegenwärtig zugespitzten Diskussion zum Thema Gensoja, um im Spannungsfeld zwischen der auf der Modernisierungstheorie basierten Befürwortung und deren Kritik, die wichtigsten Auswirkungen für die Kleinbauern zu identifizieren.

Mit dieser deduktiven Annäherung an die zu untersuchende Perspektive der Biosojaproduktion haben wir uns von einer universell-theoretischen zu einer partikulär-konkreten Dimension bewegt und kommen stets von der Theorie zur Empirie. Die Methode diente uns bis dahin dazu, dass während der Feldforschung Konkretes durch Abstraktes vermittelt werden konnte, da wir uns (auch immer von zeitlichen Restriktionen und dem Kriterium der Machbarkeit bedingt) eine aus der gesamten Wirklichkeit (Totalität) isolierte Besonderheit zum Gegenstand einer Fallstudie machten. Die Fragestellung für das Formular, die Interviews und die Auswertung der Feldforschungen wurden deshalb weiter von den allgemeinen theoretischen Kategorien geleitet und begleitet, damit Besonderes und Allgemeines schließlich wieder verbunden werden kann, d.h. dass bekanntes Wissen zur Entwicklung neuer Erkenntnisse führt.

Da die Wirklichkeit aber nicht teilbar ist, ist die Isolierung eines Gegenstandes für eine Fallstudie nur durch Abstraktion möglich, in der eine konkrete Situation untersucht wird, die am besten unserem Erkenntnisinteresse entspricht (dies ist für uns, wie oben erwähnt, das Spannungsfeld zwischen Gensoja und Biosoja). Dabei setzen wir voraus, dass die Analyse des Besonderen zur Erfassung des Gesamten beiträgt, d.h. je mehr wir uns durch allgemeine abstrakte Kategorien dem Besonderem nähern, um so besser können wir uns der Konkretheit der Totalität in ihren vielfältigen und vernetzten Beziehungen nähern. Soziale Ereignisse entstehen und verändern sich ständig und können deshalb nur in ihrer Beziehung zu anderen Ereignissen und ihrem Kontext verstanden werden, den sie integrieren. Es ist also wissenschaftlich möglich, die Beziehungen der Ereignisse untereinander und ihre Einzelheiten in Bezug auf die Totalität rationell zu begreifen, was Kosik als das Prinzip der konkreten Totalität bezeichnet. (Kosik, 1976)

Bei der vorliegenden Studie werden wir Technik bezüglich der Folgen der Umsetzung einer bestimmten naturwissenschaftlichen Erkenntnis, nämlich der Gensoja, kritisch untersuchen. Dafür haben wir als Gegenstand unserer empirischen Untersuchungen Bauern (die ökologisch, herkömmlich und gentechnisch veränderte Soja produzieren) und Organisationen (Gewerkschaften, Genossenschaften und Agrarberatung) ausgewählt. Dabei werden wir interdisziplinär auf Besonderheiten des Untersuchungsgegenstandes eingehen, um die Konflikte und Probleme zu analysieren und Widersprüche, die einen möglichen Widerstand zufolge haben können, zu identifizieren. Methodisch wurde in einer Makroebene auf strukturelle Elemente der Gesellschaft, in einer Mesoebene auf den Einfluss von regionalen Organisationen und in einer Mikroebene auf subjektive Elemente bezüglich der Handlungsautonomie betroffener Individuen eingegangen.

Der empirische Teil unserer Arbeit ist in drei Momente aufgeteilt: a) eine explorative Studie mit biosojaproduzierenden Bauern; b) Interviews mit Vertretern von Genossenschaften, Gewerkschaften und Agrarberatung; c) eine Feldforschung, die mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens mit sojaproduzierenden Bauern durchgeführt wurde. Nach der Datensammlung wurden die Informationen statistisch systematisiert, damit „die Zusammenhänge zwischen den Variablen eingeschätzt werden können, was ‚mit bloßem Auge‘ nicht möglich ist“. (Fricke 2005: 3) Die Datenbank haben wir mit dem Programm Excel[5] eingerichtet, und die statistische Bearbeitung der Informationen wurde mit Hilfe der Software SPSSWIN[6] durchgeführt. Die Informationen wurden in Tabellen[7] zusammengefasst, um sie im Zusammenhang und in Bezug auf unser Erkenntnisinteresse interpretieren zu können. Der Vergleich zwischen unterschiedlichen Variablen orientierte sich nach folgenden Aspekten, die bezüglich unseres Erkenntnisinteresses von besonderer Bedeutung sind: a) persönliches Profil; b) Charakterisierung des Betriebs und Produktionsprozesses; c) Teilnahme an sozialen Aktivitäten und Einfluss der Organisationen; d) Beziehung zur Technik; e) Begriffe und Positionen. Schließlich wurden die aus der statistischen Bearbeitung gewonnenen Daten in Tabellen und Diagrammen eingeordnet und in den empirischen Teil der Dissertation integriert. 

Danach sind wir induktiv zur Theorie zurückgekehrt, indem wir die durch die empirischen Untersuchungen gelieferten Ergebnisse anhand unserer theoretischen Grundlage interpretierten. Und so kamen wir zu den Schlussfolgerungen unserer Studie, die  im Zusammenhang mit  möglichen Perspektiven für die Zukunft der Familienlandwirtschaft in der Region dargestellt werden, in dem Sinne,  „daß alle Theorie von der Praxis auszugehen und auf einer nächsten Stufe nach der theoretischen Reflexion (Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten) zu ihr zurückzukehren habe“. (Széll 1984: 23) Es ist dieser Beitrag, den wir für den Fortschritt der Agrarsoziologie und der Praxis anbieten können, im Bewusstsein unserer eigenen Grenzen, der Gefahren der Sozialdaten und des Umganges damit, der historischen und kontextbezogenen Bedingungen einer paradoxen Wirklichkeit und der zeitlichen Restriktionen, die den Rahmen dieser Dissertation durchaus gestaltet haben.  

3. Ergebnisse der Arbeit

Indem wir das nordwestliche Grenzgebiet des Bundeslandes Rio Grande do Sul als Gegenstand unserer Untersuchung auswählten, stand im Zentrum der Analyse zu verstehen, warum, wie und inwieweit Technik die Familienlandwirtschaft verändert oder fördert, Abhängigkeitsstrukturen verstärkt oder reduziert und die Chancen der Kleinbauern erhöht oder verringert. Zugleich konzentrierten wir uns auf die Frage, ob die Agrarökologie eine Alternative für die Kleinbauern bieten könnte, um Produktionskosten zu verringern, natürliche Ressourcen zu bewahren und die Bauernarbeit in landwirtschaftlichen Familienbetrieben aufzuwerten. Methodisch entschieden wir uns, eine Fallstudie durchzuführen und wählten den Konflikt zwischen Gensoja und Biosoja aus, worauf unsere Untersuchung begrenzt blieb. Zwei unserer Hypothesen wurden dabei bestätigt, nämlich: a) dass die Sojaproduktion eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Region spielt, sich dennoch auf wesentliche Interessen multinationaler Konzerne bezieht, die am meisten davon profitieren; b) dass die Steigerung der Produktionskosten in den landwirtschaftlichen Familienbetrieben durch die Einführung „moderner“ Agrartechnologien eine wichtige Erklärung für die Verschuldung und Verarmung der Bauern und die zunehmende Landflucht in der Region darstellt.

Die dritte Hypothese, die auf die Biosoja als Alternative zur Anwendung „moderner“ Agrartechnik für die Kleinbauern angesichts der Ausbreitung der Gensoja verwies, wurde durch unsere Studie widerlegt, denn auf der objektiven Ebene sind die Durchsetzungsmöglichkeiten der Biosoja unter den vorherrschenden Bedingungen sehr gering und was die subjektive Voraussetzung betrifft, nämlich die Bereitschaft der Kleinbauern, sie entschlossen anzubauen, ist sie noch unwahrscheinlicher. Denn  trotz der besseren Preise und niedrigeren Betriebskosten der Biosoja geht die absolute Mehrheit der Produzenten zum Gensojaanbau über. Dies zu erklären, führte uns zur intensiveren Analyse der Auswirkungen von kapitalorientierter Technik in der Landwirtschaft, besonders in Hinblick auf vorgebliche (und reale) Arbeitsersparnis und –erleichterung und dem daraus folgenden Trend zur Anpassung und Zerstörung der Familienlandwirtschaft und der natürlichen Produktionsgrundlagen.

Die wichtigste Perspektive für die Familienlandwirtschaft, die auch stark die Geschichte der regionalen Entwicklung des nordwestlichen Grenzgebiets von Rio Grande do Sul prägt, hängt mit der Stärkung der genossenschaftlichen Selbstorganisation der Kleinbauern zusammen, die sowohl die Produktion als auch die Verarbeitung und Vermarktung von ökologischen Nahrungsmitteln in der Region umfassen könnte. Auch die Biosoja kommt dabei in Frage, vorausgesetzt, dass sie nicht in der Form einer Monokultur für den Agrarexport, sondern in einer regionalen Produktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungsstruktur integriert wird. Diese Perspektive beschränkt sich nicht allein auf die Form wie produziert wird, sondern versucht zugleich auf die zentrale Machtfrage der Gesellschaft Einfluss zu nehmen, nämlich was, wo, für wen, wann und durch wen  produziert wird. 

Deutlich hat sich bei unseren Untersuchungen von Biosojaproduzenten herausgestellt, dass eine ökologische Produktion nicht unbedingt mit einem niedrigeren Ertrag, mit höherer Arbeitsintensität und höheren Betriebskosten verbunden ist, die normalerweise als pauschale Begründung für höhere Preise von Bioprodukten genommen wird. Das Beispiel der Biosoja kann gleichwohl nicht einfach auf andere Bioprodukte übertragen werden. Hier sind weitere Fallstudien erforderlich und ihre Ergebnisse sind selbstverständlich offen. Die Logik der Konkurrenz in der kapitalistischen Marktwirtschaft wird jedenfalls nicht durch die Umstellung auf ökologische Produkte geändert: Großbetriebe können sich im Fall einer möglichen Ausweitung des Markts für ökologische Produkte grundsätzlich genauso darauf einstellen und diese Chance zur Profitmaximierung ausnutzen. Je länger die Chemisierung durch Agrobusiness aber anhält, je stärker die Böden kontaminiert sind und ihre Fruchtbarkeit erodiert, je rasanter sich gentechnisch veränderte Organismen ausbreiten und eine massive Deprivation des landwirtschaftlichen Produktionsumfelds eingetreten ist, um so schwieriger werden allerdings die Umstellungsprobleme. Daraus ziehen wir die Schlussfolgerung, dass allein die Anwendung einer neuen Technologie und Erzeugungsweise, die zwar umweltfreundlicher als die vorherige ist, für die soziale Problematik der Kleinbauern von geringer Bedeutung ist. Die agroindustriellen Komplexe könnten sich auf ökologische Produkte umstellen, die Bauern mit „biologischen“ Betriebsmitteln versorgen, ihre Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen an Bioprodukte anpassen, ohne damit die Abhängigkeitsstrukturen aufzuheben.

Die Sojamonokultur bietet keine Alternative für Kleinbauern, egal ob sie auf herkömmliche, gentechnisch veränderte oder ökologische Weise produziert wird, denn sie erfordert hohe Investitionen und zunehmend größere Flächen. Beides ist für kleine Erzeuger am schwierigsten zu erreichen, und zwar aufgrund ihrer geringen Investitionsfähigkeit und ihres mangelnden Zugangs zu Krediten und der Tatsache, dass der Boden eine begrenzte, nicht beliebig vermehrbare Ressource darstellt. Und Biosojaproduktion als Monokultur wäre ein Widerspruch in sich, denn ökologische Produktionsmethoden setzen Fruchtfolge und die Umstellung eines gesamten Gebiets voraus, was wiederum für Kleinbauern nur in Zusammenarbeit mit mehren Nachbarn möglich ist.

Das Überleben der Kleinbauern kann aufgrund der Selbstausbeutung der Familien eine Weile andauern, sie werden aufgrund der höheren Produktionskosten pro Einheit auf dem Markt ausgeplündert und solange mehr Nachfrage als Angebot herrscht, können sie einigermaßen mithalten. In der für die kapitalistische Landwirtschaft charakteristischen Überproduktion werden die Kleinbauern dennoch nicht mehr konkurrenzfähig, egal ob im „konventionellen“ oder ökologischen Markt. Die Großbauern haben dann mit der Auflösung kleiner Betriebe und der folgenden Landflucht weitere Vorteile: a) es verschafft ihnen neue Spielräume in der Konkurrenz; b) sie können nahe gelegene Bodenflächen zu billigen Preisen kaufen; c) sie können die ehemaligen Kleinbauern als qualifizierte Landarbeiter in ihren Lohnarbeitsbetrieben einstellen. Der Arbeitskräfteüberschuss auf dem Lande ist besonders in Erntezeiten für die Großbetriebe wichtig, so dass die billige Arbeitskraftreserve jahreszeitlich „flexibel“ eingesetzt werden kann und das Problem der Zeit von Nichtarbeit dadurch erledigt wird. Während sie stattfindet und danach wird die technische „Modernisierung“ der Landwirtschaft also von Vorteil für die konkurrenzfähigsten Bauern in der kapitalistischen Marktwirtschaft sein, was auch ihre Begeisterung und Befürwortung technischer Angebote der Agrarkonzerne erklärt.

Gerade weil Regierungen die Agrarpolitik zugunsten der Großbauern gestalten (die am Agrarexport orientiert sind), sehen die meisten Kleinbauern in der untersuchten Region kaum eine Alternative, als auch Monokulturen für den Export zu produzieren, mit allen ihren Konsequenzen. Eine Veränderung der Agrarpolitik zugunsten einer regionalen Nahrungsmittelproduktion würde die Selbstversorgung der ärmsten Kleinbauern (erster Typ von Familienlandwirtschaft) mit Nahrungsmitteln verbessern und deren Abhängigkeit von der paradoxen Lebensmittelversorgung durch die Regierungen verringern. Zugleich wird die Zunahme der Nahrungsmittelproduktion zur Verbesserung der regionalen Versorgung beitragen, da die von uns als zweiter Typ von Familienlandwirtschaft charakterisierte Gruppe (die nach unserer Analyse noch bereit ist, Risiken einzugehen und potenziell an einer genossenschaftlichen Organisation interessiert ist) in erster Linie unterstützt werden kann. Ihre vorbildliche Rolle bei agrarökologischen Innovationen kann insofern zur Aufhebung der Isolation und Zersplitterung der Kleinbauern untereinander beitragen und zur Solidarität motivieren.

Indem noch eine duale Dimension in der Familienlandwirtschaft besteht, nämlich die Verbindung von Konsum und Produktion im Familienbetrieb, steigt die Aufmerksamkeit der Produzenten für die Qualität der Nahrungsproduktion und deren Auswirkungen auf die eigene Gesundheit. Dieses für die kapitalistische Produktionsweise widersprüchliche Verhältnis zwischen Mehrwertproduktion und menschlichen Bedürfnissen macht die Familienlandwirtschaft insofern zu etwas besonderem für die Agrarökologie. Die Debatte um die Agrartechnologie kann die von den destruktiven Kräften herrschender Agrartechnik betroffenen Bauern verbinden und als Ausgangspunkt für den Aufbau eines neuen Bewusstseins dienen, also auch eine politische Dimension bekommen. Die Möglichkeit, durch die Erfahrung mit der Agrarökologie den Ausbeutungscharakter kapitalistischer Landwirtschaft zu entlarven und die Notwendigkeit ihrer politischen Organisation zusammen mit anderen antikapitalistischen Kräften in der Gesellschaft zu vereinigen, kann einer ökologischen und genossenschaftlichen Bewegung der Kleinbauern eine revolutionäre Dimension verleihen. Dies hängt jedoch davon ab, inwieweit es durch eine sozialisierende Produktion innerhalb der kapitalistischen Marktwirtschaft möglich ist, dass deren Widersprüche tatsächlich offenbar werden (so dass die technischen, ökonomischen und sozialen Abhängigkeiten nicht mehr verschleiert sondern verdeutlicht werden) und eine breitere Bewegung zur Folge hat. Hinsichtlich der Zusammenhänge der Agrarökologie mit den konkreten Bedürfnissen der betroffenen Menschen scheint eine Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden zu sein, die sich bei Fortschrittserfahrungen brasilianischer Kleinbauern mit der für sie „geeigneten sozial angepassten Technik“ nachweisen lässt.

Schlußfolgerungen

Der Einsatz der Gentechnik in der brasilianischen Sojaproduktion intensiviert die Freiset­zung von Destruktivkräften, die sich zugleich auf Natur und die auf dem Lande arbeitenden und lebenden Menschen auswirken. Die Privatisierung von natürlichen Ressourcen und von Wissen zugunsten multinationaler Agrarkonzerne und Großgrundbesitzer vertieft die soziale Ungleichheit in der brasilianischen Gesellschaft, und die Chancen des Widerstands durch die individuellen Kleinproduzenten und Verbraucher werden erheblich eingeschränkt. Während das Kapital, insbesondere Betriebsmittel, Kredite sowie die Verarbeitungs- und Vermark­tungsstruktur landwirtschaftlicher Produktion zunehmend monopolisiert werden, stehen die selbst arbeitenden Bauern unter dem Druck, mit Hilfe von Technik untereinander um ihr   Überleben zu konkurrieren. Die Familienlandwirtschaft im nordwestlichen Grenzgebiet von Rio Grande do Sul neigt dazu, sich aufgrund der angeblichen Arbeitserleichterung und -er­sparnis an die beschriebene interessengeleitete Technikentwicklung anzupassen und dadurch zerstört zu werden. Der Biosojaanbau stellt aufgrund der herrschenden Agrarstruktur keine umfassende Alternative für die untersuchten Familienbetriebe dar, und mögliche Perspektiven der Agrarökologie hängen stark von einer Zunahme genossenschaftlicher Organisation von Kleinbauern und Konsumenten in der Region ab. Gerade weil die in der Landwirtschaft zu­sammenhängenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme die materielle Exis­tenz der Kleinbauern bedrohen, könnten kollektive Ansätze eine Chance eröffnen. Die Selbst­organisation der von der kapitalistischen Modernisierung der Landwirtschaft betroffenen Menschen würde einen gemeinsamen Lern-, Politisierungs- und sozialen Mobilisierungspro­zess erlauben, der die Voraussetzung für eine andere Entwicklungsdynamik wäre.

 

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* Zusammenfassung der mit dem selben Titel vorgelegten Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (Dr. rer. pol.) des Fachbereichs Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück.

[1] Der Begriff Gentechnik wird hier für die verfügbare artüberwindende Gentransfertechnik benutzt.

[2] Cotrimaio – Cooperativa Agropecuária Alto Uruguai Ltda., mit Sitz in Três de Maio – RS.

[3] Wir nehmen hier den von Herbert Marcuse und Jürgen Habermas verwendeten Begriff, der allerdings nicht auf die Agrartechnik, sondern auf die industrielle Technik bezogen ist. (Vgl. Marcuse 1984 und Habermas 1968)

[4] Im Sinne der Kontingenz, d.h. soziale Ereignisse geschehen weder zufällig noch linear determiniert. Auch die Erforschung einer Evolution der Produktionsformen muss deshalb ihren einzigartigen Verlauf historisch betrachten. „Kontingenz heißt: Es hätte auch anders kommen können, aber natürlich nicht beliebig anders, sondern innerhalb eines mehr oder minder stark eingegrenzten Möglichkeitsraumes“. (Ortmann 1995: 23)

[5] Version 2000.

[6] Version 8.0.

[7] Einfache Tabelle, in denen eine einzelne Variable (also die gesamten Angaben für eine unserer Fragen) isoliert dargestellt wurde; und gekreuzte Tabelle, bei denen zwei Variablen gekreuzt wurden, um mögliche Zusammenhänge unter ihnen zu entdecken.

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Literatur:

Flyvbjerg, B. (2001): Making Social Science Matter. Why social inquiry fails and how it can succeed again. Cambridge: Cambridge University Press.

Fricke, R. M. (2005): Estatística e aplicações aos fenômenos sociais.  Ijuí: Unijuí.

Habermas, J. (1968): Technik und Wissenschaft als Ideologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Kosik, K. (1976): Dialektik des Konkreten. Eine Studie zur Problematik des Menschen und der Welt. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Marcuse, H. (1984): Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Darmstadt: Luchterland.

Marx, K. (1967): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.

Ortmann, G. (1995): Formen der Produktion. Organisation und Rekursivität. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Széll, G. (1984): Bildungsarbeit als Forschungsprozeß. Anmerkungen zur Übertragbarkeit der Freireschen Pädagogik. München: Hueber.

 

por ANTÔNIO INÁCIO ANDRIOLI

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