Por ANTÔNIO INÁCIO ANDRIOLI

Doktorand der Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück.

 

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135 Jahre der Pariser Kommune: vom „Angriff auf den Himmel“ zur Revolution um die Menschheit

 

Comuna de ParisDie Pariser Kommune, die erste kommunistische Revolution der Geschichte, wird 135 Jahre alt. Vom 18. März bis zum 28. Mai 1871 führten die französischen Arbeiter die Stadt von Paris und hatten den Mut, politische Maßnahmen umzusetzen, die sicherlich weiter ein Vorbild und eine Herausforderung der weltweiten sozialistischen Bewegung bleiben. Die Übernahme der Macht war jedoch eine Verteidigungsmaßnahme eines Volkes, das von der bürgerlichen Regierung bedroht wurde, Widerstand leistete und siegte. Wie Marx es beschrieb, handelte es sich um einen „Angriff auf den Himmel“, denn die intensive revolutionäre Kraft der Arbeiter kontrastierte mit ihrer schwachen Analyse über die objektiven Bedingungen der neu entstandenen Situation. Diese Erfahrung von nur 72 Tagen Dauer ist die wichtigste Grundlage der politischen Reflexion des Marxismus gewesen, womit die Pariser Arbeiter als „Avantgarde des modernen Proletariats“ anerkannt wurden. Um die Bedeutung dieser Erfahrung besser zu verstehen, ist es wichtig, sich den zeitlichen Kontext, den Klassenkampf, die Errungenschaften und die Lehren der Kommune zu vergegenwärtigen. Dies ist das Ziel dieses Textes, der durch das Zurückgehen in die Geschichte der Kommune gleichzeitig die dadurch entstandenen marxistischen Referenzen  für den internationalen Klassenkampf skizzieren möchte.

Paris war auch damals das Zentrum der französischen Regierungsmacht und der größte Sammelpunkt der Arbeiter. Seit dem Staatsputsch von 1851, der Frankreich zur Herrschaft Napoleons führte,  war die Stadt ein Szenario vieler Schlachten mit vielen Opfern. Die Periode war also durch Instabilität  gekennzeichnet und die Gefahr einer sozialen Revolution wurde durch die großen Streiks zwischen 1867 und 1870 sehr deutlich. Wegen der Kriegserklärung und der Niederlage gegen Preußen 1870 besetzte die Bevölkerung das Rathaus und forderte das Ende des Regimes. Im September dieses Jahres wurde die Republik ausgerufen. Die Regierung erklärte sich zur Regierung der nationalen Verteidigung, womit der Patriotismus eingesetzt wurde, um die Arbeiter zu betrügen. Mit dem Vorwärtskommen der preußischen Truppen und die anschließende Pariser Kapitulation wurde als preußische Bedingung die Armee entwaffnet und eine neue Regierung gewählt.  Die Nationalversammlung wählte dann Adolphe Thiers als Regierungschef, der im Februar 1871 einen Friedenskompromiss mit Preußen vorstellte und die Aufstände beenden wollte.           

Die Bewegung war alles andere als homogen. Außer den Arbeitern gehörten dazu die auf eine Wiederherstellung des Krieges gegen Preußen hoffenden Patrioten, Teile des Kleinbürgertums, die ein Wiederauftreten der Monarchie fürchtenden Republikaner und die Nationalgarde, die wegen der ausländischen Bedingung die Armee ersetzte. Der Kontext 1871 in Paris stellte zusammengefaßt folgende Elemente, die den Widerstand gegen die Regierung stimulierten: a) Das Leiden der Bevölkerung nach dem Krieg gegen Preußen; b) Die Arbeitslosigkeit der Arbeiter und der Konkurs vieler Kleinhändler und Handwerker; c) Die Empörung der Bevölkerung gegen die Behörden, die ständig ihre Inkompetenz bewiesen; d) Die Unzufriedenheit der Arbeiter und der Drang nach einem neuen Regime; e) Die reaktionäre Zusammensetzung der Nationalversammlung.

Aus Furcht vor einem allgemeinen Widerstand, verlegte Thiers die französischen Regierung nach Versailles und forderte die Entwaffnung der Pariser Nationalgarde mit dem Argument, dass sie Staatseigentum sei. Die Regierung fing dann an, Paris zu provozieren und zu demütigen, sogar den Mittelstand, was die Unzufriedenheit nur vergrößerte. Die Nationalgarde und die Arbeiter wurden laufend diffamiert, in dem es hieß, sie hätten die Waffen des Staates gestohlen und stünden unter den Einfluß „unbekannter Chefs“.

Die Entwaffnung der Nationalgarde war der erste Schritt zur Verschwörung und zum Sturz der Republik. Deshalb schloß sich das Volk der Nationalgarde an, die schon in einem Zentralkomitee organisiert war, und entschied sich dafür, die Waffen nicht der Regierung zu übergeben, da ihre Herstellungskosten doch von der Bevölkerung selber bezahlt worden seien.  Dementsprechend beschloß Thiers, am 18. März in Paris zu marschieren. Aber das Volk leistete Widerstand, siegte in der Schlacht und die Regierung musste wieder nach Versailles zurückkehren. Es ist auch wichtig zu betonen, dass im Gegensatz zu dem, was die bürgerlichen Medien in der Geschichte über Revolutionen behaupten, in dieser Schlacht nur drei Menschen starben: ein Soldat der Nationalgarde, der das Warnsignal gab, und zwei Generäle auf Regierungsseite, die während der Schlacht nach ihrer Kapitulation aus Rachsucht und überstürzt von der Nationalgarde erschossen wurden. 

Der „Angriff auf den Himmel“ war also das Ergebnis zahlreicher Widersprüche, die sich in Frankreich zeigten, in Zusammenhang mit dem bewussten Handeln der Arbeiter, die während ihrer eigenen Verteidigung die wichtigste revolutionäre Erfahrung der Arbeiter im 19. Jahrhundert machten. Die seit September 1870 andauernde Revolution trat in eine neue Phase ein: Das war die Installation der Kommune, sofort nachdem die Nationalgarde zu Wahlen aufgerufen hatte und die Macht den Arbeitern zurückgab. 86 Delegierte wurden durch das Volk in den Distrikten der Stadt gewählt und konnten zu jeder Zeit abgesetzt werden. Die Kommune war jedoch keine Art von Parlamentsorgan, sondern eine Arbeitsgruppe, die gleichzeitig Gesetz gebende und Exekutivaufgaben hatte. Ihre Organisation sieht zehn  Kommissionen vor: Militär, Finanzen, Justiz, Sicherheit, Arbeit, Ernährung, Industrie und Handel, Erziehung und öffentliche Dienste, wobei die Vertreter jeder Kommission in einem für die generelle Politik der Kommune verantwortlichen Exekutivkomitee integriert wurden.

Die wichtigsten von der Kommune durchgesetzten Maßnahmen, die wegen ihres revolutionären Charakters hervorzuheben sind, sind folgende:  a) Ersetzung der Armee durch die allgemeine Bewaffnung des Volkes; b) Trennung von Kirche und Staat; c) Volksbildung mit einem rein weltlichen Charakter und Ende des Priesterunterhaltes durch den Staat; d) Verbot der Nachtarbeit in den Bäckereien; e) Aufhebung des Geldstrafensystems über die Arbeiterschaft; f) Dekret der Übergabe des Besitzes von verlassenen oder stillgelegten Fabriken an Arbeitergenossenschaften; g) Entlohnung der Verwaltungs- und Regierungsbeamten orientiert  am normalen Arbeitslohn; h) Verkürzung der Arbeitszeit; i) Wahl der Betriebsleiter direkt durch die Arbeitern; j) Ende der „Unabhängigkeit“ der Judikative und Unterwerfung aller ihrer Beamten unter Wahlprozeduren, Verantwortung und Entlassungsmöglichkeit.     

Die Bourgeoisie versuchte die Kommune mit vorherigen kommunalen Gesellschaften zu vergleichen und zu argumentieren, das Problem der Arbeiter mit der Republik sei lediglich der Zentralismus und die dadurch entstandene Bürokratie. Die Kommune machte trotzdem deutlich, dass es nicht darum geht, den Staat zu verändern, sondern die Herrschaftsstrukturen in der Gesellschaft zu beenden, wofür der Staat nur die Vertretung sei. In diesem Sinne war die Kommune das Instrument der Arbeiter zur Aufhebung des Privateigentums, das als ökonomische Basis der Klassenbildung in der Gesellschaft gilt.  Das Ziel war die Emanzipation der Arbeit und nicht lediglich die Festigung der Demokratie, obwohl die Kommune zahlreiche demokratische Institutionen in der Republik einrichtete. Für Karl Marx war die Kommune „wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte“ (MARX,  1971: 342).

Aber die Kommune unterlag und am 25. Mai 1871 fand ihre letzte Versammlung statt. Die letzte Barrikade wurde am 28. Mai besiegt und die Gegenrevolution bedeutet insgesamt 100.000  Arbeiter weniger in Frankreich, d.h. Tote, Gefangene, Verbannte und zur Zwangsarbeit Deportierte. Während die Kommune installiert wurde, bereitete Thiers die Gegenrevolution vor und vereinigte sich mit Bismarck. Der vorherige preußische Gegner befreite die politischen Kriegsgefangenen und hetzte die Truppen gegen die Pariser Bevölkerung auf. Der Bürgerkrieg war also auch als Alternative zur Beherrschung des Territoriums geplant.  Seit dem 20. Mai marschierten ungefähr 20.000 Soldaten in Paris ein und drängten die Arbeiter und die Nationalgarde an die Wand. Es blieb der Kommune noch übrig, ein Komitee der öffentlichen Rettung zu gründen, das allgemein zu Bewaffnung, Barrikaden, Straßenkrieg und Verbrennung der schon verlassenen Gebäude aufrief, um das Fortschreiten des Gegners zu verhindern, dessen Strategie die gleiche war. 

Deshalb wurde die Periode zwischen dem 21. und 28. Mai im Gedächtnis der internationalen Arbeiterbewegung zur „Blutwoche“, eine der größten Massaker in der Geschichte. In den Schlachten sind mehr als 4.000 Arbeiter getötet worden und mindestens 25.000 wurden in der folgenden Woche hingerichtet. Auch die 40.000 öffentlich bekanntgegebenen Verhaftungen und die circa 10.000 vor dem Prozeß geflohenen Menschen gehören dazu, als Resultat einer Ausrottung, die von der wütenden französischen Bourgeoisie gemeinsam mit den Grundbesitzern unterstützt wurde. 

Für Marx und Lenin, deren Werken zu einem großen Teil auf der Erfahrung der Pariser Kommune basierten, gab es zwei Fehler, die zum Sieg der Bourgeoisie beitrugen: 1) Die Arbeiter haben die Revolution auf halben Wege eingestellt, denn anstatt die Bourgeoisie zu enteignen, versuchten sie, einen Gerichtshof aufzubauen und das Land im national patriotischen Sinne zu vereinigen, was eigentlich der Idee des Sozialismus widersprach;  2) Statt dass die Arbeiter ihre Gegner militärisch ausschalteten, ignorierten sie die Wichtigkeit des Militärs im Bürgerkrieg, so dass sie nicht nach Versailles marschierten, als Thiers zurückkehrte, was ihm Zeit zur Vorbereitung der Gegenrevolution ermöglichte.

Lenin sieht die Wichtigkeit der Kommune grundsätzlich in drei Aspekten: a) Sie agitierte die sozialistische Bewegung in ganz Europa; b) Sie deckte die Kraft des Bürgerkrieges auf; c) Sie schloss die patriotischen Illusionen und den Glauben an das nationale Streben der Bourgeoisie im Klassenkampf aus. Für Marx wollte die Kommune niemals die Unfehlbarkeit erreichen und ihr größter Beitrag sei ihre Existenz und Wirkung gewesen. Außerdem betonte Marx noch zwei Elemente: a) Es genügt den Arbeitern nicht, den Staat zu enteignen; es ist nötig, die Logik des Staats zu zerbrechen, die innerlich gegen die Emanzipation der Menschheit verstößt; b) Die nationalen Regierungen sind eins gegenüber der Arbeiter und deshalb ist es so wichtig, sich weltweit zu organisieren.

Trotz der unglücklichen Bedingungen, unter denen die Kommune sich entwickelte – Kapitalismus auf einer niedrigen Entwicklungsstufe  und geringer politischen Organisationsgrad der Arbeiter – ist die Kommune in der Erinnerung der Arbeiterbewegung in den meisten Ländern gegenwärtig, weil ihr Kampf nicht lediglich lokal oder auf die nationale Ebene beschränkt wurde, sondern sie trägt das Emanzipationssymbol der Unterdrückten der ganzen Welt. Als die Pariser Arbeiter als Bewegung zur Verteidigung in einer Kriegssituation begannen, haben sie fast spontan das begonnen, was Marx als den einzigen gerechtfertigten Krieg der Geschichte bezeichnete: den Krieg der Enteigneten gegen die Enteignenden.

Wegen ihrer großartigen Erfahrung stimulierte die Pariser Kommuner viele andere, wodurch die weltweite Organisation der Arbeiter qualitativ und quantitativ weiterentwickelt wurde. Im Gegensatz zu dem was die „Autoren der Barbarei” dachten, blieb die Kommune sehr lebendig, denn sie lebt wieder in allen Arbeitern auf, die den Marktfetisch und den Manipulationen widerstehen und sich bewusst  für die kollektive Emanzipation der Menschheit engagieren. Die durch die Pariser Kommune gewonnene Dimension des internationalen sozialistischen Kampfes beweist, dass die Zerstörung der Arbeiterorganisation das wichtigste Problem der meisten kapitalistischen Regierungen geworden ist. Aber wie Marx zu Recht sagt, „um sie niederzustampfen, müßten die Regierungen vor allem die Zwingherrschaft des Kapitals über die Arbeit niederstampfen – also die Bedingung ihres eigenen Schmarotzerdaseins“ (MARX, 1971: 362).

 

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LITERATURVERZEICHNIS

MARX, Karl. Der Bürgerkrieg in Frankreich. MEW, Band 17. Berlin: Dietz Verlag, 1971.

 

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