Por ANTÔNIO INÁCIO ANDRIOLI

Doktorand der Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück

 

 

Gegen den Hunger, ohne Gennahrung

 

Manche Meinungsbildner behaupten, gentechnisch veränderten Lebensmitteln kämen bei der Bekämpfung des Hungers angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums und der Notwendigkeit von Produktionssteigerungen in der Ernährung eine entscheidende Rolle zu. Manche Sojaproduzenten behaupten sogar, das Programm Fome Zero (Null Hunger) wäre nur unter Einsatz genetisch manipulierter Lebensmittel durchführbar. Aber birgt gentechnisch veränderte Soja wirklich einen Nutzen und kann sie zum Kampf gegen den Hunger beitragen? Welche Alternativen gäbe es, um den Hunger in Brasilien und der Welt zu bekämpfen? Könnte das von der Regierung Lula geschaffene Programm Fome Zero ein Modell für andere Länder sein?

Hunger ist ein soziales Problem, das aus der ungerechten Verteilung des Reichtums entsteht, nicht aus dem Mangel an Nahrung. Die Menschheit lebt in einer Situation der Überproduktion, in der jedes Jahr das Eineinhalbfache ihres Gesamtbedarfs produziert wird. In dieser Produktionsform sind die Kosten der Ausbeutung nicht erneuerbarer Ressourcen als Energiequelle nicht tragbar, und eine höhere Produktivität ist keine Alternative im Kampf gegen den Hunger. Dasselbe Argument wurde anlässlich der Einführung chemischer Schädlingsbekämpfungsmittel von den multinationalen Chemiekonzerne vorgebracht, und heute sehen wir, dass der Hunger mit ihrer  Anwendung in der Landwirtschaft zugenommen und nicht abgenommen hat.

Im Bereich der Genforschung widmen sich nur 2% der weltweiten Projekte zur genetischen Veränderung der Produktivitätssteigerung, 74% dagegen dienen der Entwicklung von herbizidresistenten Pflanzen und 19% der Insektentoleranz. In Ländern, in denen schon seit längerem genetisch veränderte Pflanzen angebaut werden, sind die Produktionskosten und die Abhängigkeit der Landwirte gestiegen. Dadurch wird Landwirtschaft in Familienbetrieben unmöglich ‑ die in Brasilien die Mehrheit in der Nahrungsmittelproduktion ausmachen ‑, die Landflucht und die Konzentration des Landbesitzes werden verstärkt. Da ein bedeutender Teil der Armut besonders auf dem Land herrscht, führt dies zu einer Zunahme des Hungers. Kleinbauern können mit gentechnisch veränderter Soja nur verlieren, das räumen sogar deren Verteidiger ein. Monokultur ist nur auf großen Flächen durchführbar, sie senkt die Preise und erfordert zugleich hohe Investitionen ‑ wodurch sich teilweise die Insolvenzen und die Landflucht erklären. Mit genetisch veränderten Pflanzen verschlimmert sich die Situation noch, denn die Landwirtschaft im Familienbetrieb stützt sich hauptsächlich auf die zur Verfügung stehende Arbeitskraft, die beim Anbau gentechnisch veränderter Produkte an Bedeutung verliert. Die Alternative für diese Familien liegt im ökologischen Anbau unter Einsatz angemessener Technologien. Doch können ökologische und gentechnische Landwirtschaft nicht nebeneinander existieren, und daher leiden die Kleinbauern nochmals unter der Einführung gentechnisch veränderter Pflanzen.

Hunger ist in letzter Konsequenz eine Folge der Konzentration der Produktionsmittel, die die Einkommensverteilung verhindert. Wie gesagt fehlt es nicht an Nahrung, sondern am Zugang der armen Bevölkerung zur vorhandenen Nahrung. Eine Lösung des Problems erfordert die Aufteilung der Produktionsmittel, welche für das Land aufgrund seines Produktionspotentials von strategischer Bedeutung ist. In Brasilien stellt eine tief greifende und substanzielle Agrarreform in Verbindung mit einer Stärkung der Familienlandwirtschaft einen Pfeiler für ein anderes Entwicklungsmodell dar, das Millionen ausgeschlossenen Menschen die Möglichkeit gibt, zu produzieren und sich zu ernähren.

Diese Frage erfordert ein entschlossenes Handeln des Staates und sein Bekenntnis zur nationalen Souveränität in der Ernährungspolitik. Mittel für Kredite, technische Hilfe, den Aufbau kleiner Landwirtschaftsbetriebe und direkter Vertriebsnetze sind von grundlegender Bedeutung. Sie verringern die Abhängigkeit der Bauern von den großen multinationalen Landwirtschaftsunternehmen und ihrer Technologie. Die Einrichtung neuer Vertriebswege und die Wiederaufnahme einer Politik der Nahrungsreserven seitens der Regierungen sind entscheidend, um den gegenwärtig ausgeschlossenen potentiellen Konsumenten die Nahrungsmittelproduktion zugänglich zu machen. Außerdem sind politische Maßnahmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen und die Erhöhung des Einkommens in den Städten, die Unterstützung von Arbeiterinitiativen und die Ausweitung und Stärkung der Solidarwirtschaft wichtige Strategien für die gesellschaftliche Integration.

Doch es ist klar, dass zunächst auch unmittelbar wirksame Maßnahmen notwendig sind. In dieser Hinsicht erfüllen die Fonds für den Kampf gegen den Hunger eine wesentliche, strukturierende Rolle. Das gleich zu Beginn der Amtszeit von Präsident Lula vorgestellte Programm Fome Zero ist ein konkreter Schritt, der die Tragweite des Hungers verdeutlicht und dadurch die Notwendigkeit eines neuen Entwicklungsprojekts für Brasilien aufzeigt. Das Programm geht in seiner ersten Phase direkt gegen den Hunger vor, um auf dieser Grundlage in der zweiten Phase ein Paket politischer Maßnahmen umzusetzen, das die ‑ für die soziale Ungleichheit im Land verantwortliche Struktur ‑ wirklich verändern kann.

In seiner ersten Phase mindert das Programm gegenwärtig den Hunger von Millionen Familien. Doch es läuft Gefahr, zu einer Art Hilfspolitik zu werden. Fome Zero  und die Landreform, die beide von der Regierung als Prioritäten ausgerufen werden, stehen gegen ihre makro‑ökonomische Politik, die auf der Steigerung des primären Bilanzüberschusses und den Zinszahlungen ruht. Daraus folgt ein drastischer Rückgang der Mittel für soziale Programme. Einerseits muss die aktuelle Wirtschaftspolitik sich ändern, um die sozialen Vorhaben der Regierung voran zu bringen, anderseits muss auch Fome Zero soziale Maßnahmen in derselbe Perspektive integrieren und zugleich die Zivilgesellschaft massiv mobilisieren. Der Aufbau und die Methoden des Programms können anderen Ländern in ähnlicher Lage als Beispiel dienen, doch müssen die Widersprüche überwunden werden, die im Innern der Regierung zu seiner Isolierung und dem wachsenden Unglauben führen, dass es ein wirksames Mittel im Kampf gegen den Hunger sein könne.

 

 

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